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Full text of "naegele_putsch_1940"

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Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 257 

Rainalds Persönlichkeit beschäftigt also aus politischen und kirchen¬ 
politischen Gründen Johannes von Salisbury sehr, und es bedarf keiner 
weitert Erklärung, warum der Sekretär Thomas Beckets als einziger Rainalds 
Verhalten auf dem Reimser Konzil in seiner Historia pontificalis notierte. 
Es ist dabei gleichgültig, ob Rainald in der geschilderten Weise wirklich 
aufgetreten ist oder nicht. Jedenfalls ist es Johannes von Salisbury wichtig, 
den Augenblick zu bestimmen oder festzuhalten, wo der spätere deutsche 
Reichskanzler zum erstenmal die Weltbühne betritt, und wenn auch nur bei 
einer politisch so belanglosen Frage wie dem Tragen bunten Pelzwerkes. 
Die Stelle in der Historia pontificalis ist zweifellos auf dem Hintergrund der 
weltgeschichtlichen Begebenheiten der Jahre ab 1159 und insbesondere von 
1165/66 zu erklären: schon damals, 1148, habe man auf dem Konzil von Reims 
unter den protestierenden Deutschen Rainald von Dassel bemerkt mit einer 
gleichgesinnten Gruppe, „Raginaldus de Hildenesham et alii Teutones“, wenn 
er auch nicht, wie man bisher annahm, ein Konzilsdekret zu Fall gebracht hat. 


DEUTSCHE HANDSCHRIFTEN DES VOM TIROLER KANZLER 
ULRICH PUTSCH ÜBERSETZTEN „LUMEN ANIMAE“ 

VON ANTON NAEGELE 

A. Das „Liecht der Sele“ ln der Handschrift des 
Ferdinandeums zu Innsbruck vom Jahre 1426 

ln seinem Tagebuch, einer Handschrift des ehemaligen fürstbischöflichen 
Brixener Archivs im Staatsarchiv zu Bozen, erzählt zu Beginn des Jahres 
1428 der neugewählte Bischof von Brixen, Ulrich (II.) Putsch, er habe bei 
seinem Umzug im Herbst 1427 aus seinem bisherigen Pfarrsitz Tirol-Meran 
in die von Büchern fast ganz entblößte Residenz ungefähr hundert hand¬ 
schriftliche Werke mitgebracht, darunter einige besonders aufgezählte 
Kleinodien wie die miniaturengeschmückte Prachtbibel, Graduale, Catho¬ 
licon u. a. \ 

Seine Bescheidenheit oder Vielbeschäftigung läßt den bischöflichen Auto¬ 
biographen wohl noch ein Über decreti, das Dekretalenbuch erwähnen, nicht 
aber den lateinischen Originalkodex oder die von ihm selbst (wohl zum aller- 
erstenmal?) kürzlich erst vollendete deutsche Übersetzung eines Hauptwerks 
der spätmittelalterlichen Philosophie und Theologie, des Lumen animae. Die 
bis vor wenigen Jahrzehnten nirgends, auch nicht in dem biographischen 


Rainalds auf. Die weiteren Briefe enthalten noch manche Bemerkungen über 
den Kaiser und die weiteren Ereignisse. Z. B. ep. 234 (II, 100 f.): ep. 235 (II, 
105); ep. 244 (II, 130 ff.); ep. 245 (II, 140); ep. 259 (II, 150 f.); ep. 285 (II, 204); 
ep. 287 (II, 207) ; ep. 288 (II, 209); ep. 252 (II, 222). — Nach der Exkommu¬ 
nikation nennt Johannes den Kaiser überhaupt nur noch „Ex-augustus“. 

1 fol. 3, ed. Schaller S. 286 f. Der Neugewählte fand nur einige liturgische 
Gebrauchsbücher in sehr „desolatem“ Zustand vor, darunter auch ein Mis- 
sale mit Freisinger Rubriken, ebd. S. 287. Von ähnlich, wenn auch nicht 
ganz so trauriger Lage der Bücherei in der Burg wird kurz vor dem Tod des 
selten in Brixen residierenden Bischofs Andreas von Österreich (t 1600) 
berichtet, s. A. Dörrer, Brixener Buchdrucker; Gutenberg-Jahrb. 1937. S. 155. 


Hist. Jahrbuch 1940 17 



258 


N a e g e 1 e 


Abriß des Urgroßneffen Ch. W. Putsch 2 erwähnte, inhaltlich wie sprach- 
geschichtlich bedeutsame Arbeit des Schwaben in Tirol hat der Heraus¬ 
geber des Tagebuchs Ulr. Putschs, Viktor Schaller 3 , kurz gewürdigt; der 
verdiente Kommentator des Diariums des Brixener Bischofs kannte jedoch 
nur die einzige handschriftliche Überlieferung derselben, den Codex Vib 5 
(jetzt neu signiert F. B. 1064) der Ferdinandeumsbibliothek zu Innsbruck in 
spätgotischer Minuskelschrift, nicht die schon 1876 von J. V. Zingerle 4 noch 
kürzer besprochene Wiltener Handschrift des „Liecht der Seel“ (Prämonstra- 
tenserstiftsbibliothek Nr. 310), auch nicht die weiteren deutschen Hand¬ 
schriften, noch weniger die lateinische Vorlage, die in Handschriften und 
Inkunabeldrucken in zweifacher Fassung überliefert ist. Daß beiden Tiroler 
Forschern auch der Verfasser des einst hochgefeierten Originalwerks un¬ 
bekannt blieb, ist nicht zu verwundern; hat ja selbst der erste Übersetzer 
schon nach kaum drei Generationen keine Ahnung davon gehabt. 

1. Nehmen wir zunächst, ohne dem Ergebnis der Handschriftenvergleichung 
vorzugreifen, das Innsbrucker Manuskript als Grundlage unserer ersten Auf¬ 
klärung über Putschs Übersetzertätigkeit und seine Vorlage an, so läßt 
uns glücklicherweise der Kodex selber nicht ganz im Stich. Ulrich Putsch, 
Pfarrer und herzoglicher Kanzler auf Tirol, schickt dem von ihm über¬ 
setzten philosophisch-theologischen Werk eine Einleitung voraus, die in 68 
Reimpaaren mit drei oder vier, selten mehr Hebungen uns die wertvollsten 
Aufschlüsse über die lateinische Originalschrift, die Zeit ihrer Entstehung 
wie die seiner Verdeutschung gewährt. Dieser vielleicht einzigartige poetische 
Prolog, der drei Blätter der Quarthandschrift umfaßt, enthält im ersten Teil 
die Anrufung Gottes und der Jungfrau Maria; der Verfasser bittet sie in 
herzlichen Worten, sie mögen ihm Kraft, Meisterschaft und Kunst verleihen; 

„Bis das ich ditz püchlein gericht, 

Fleissiklich von latein ze teutsch geticht.“ 

Dann folgt die eigentliche „vorred“, in der uns der Übersetzer über die latei¬ 
nische Urschrift das Wichtigste, wenn auch nicht alles Wünschenswerte 
mitteilt, leider ohne den Namen des seinerzeit berühmten Verfassers zu 
nennen oder selbst zu kennen. 

Was Ulrich Putsch über die Herkunft, die Quellen und die Hochschätzung 
des schon im 14. Jahrhundert weitverbreiteten Lumen animae selber „ge- 
schriben funden hat“ und in gereimten Versen (23—134) wiedergibt, ist in 
der Mehrzahl der von mir eingesehenen Handschriften und Frühdrucke, und 
zwar am klarsten und ausführlichsten in den Prologen des lateinischen 
Originalwerks überliefert. Danach hat Papst Johann XXII. — ob in Rom 
oder in Avignon, ist nicht angedeutet — von der Abfassung eines für die 

2 Ganz schweigt noch der wohl erstmalige Versuch einer tirolischen Lite¬ 
raturgeschichte von Karpe, Tirol und Literatur bis Maximilian I„ Manuskript 
Dipauliana 1261, Bibi. d. Ferdinandeums Innsbruck fol. 10, ebenso A. Rosch- 
mann, VI. Entwurf einer tirol. Literaturgesch. ebd. Mscr. 35 Q. Abschrift S. 
10. Noch K. Gödecke, Grundriß der Geschichte der deutschen Dichtung I. 
1884 (Mittelalter) übergeht alle Schriften Putschs. Erst M. Enzinger, Die 
deutsche Tiroler Literatur bis 1900, 1929, S. 11 widmet ihm ein Wort. 

3 Zs. d. Ferdinandeums 36, 1892, S. 276/79, aber noch ohne Kenntnis von 
I V. Zingerles Mitteilungen über die Hs. in Wilten vom Jahre 1876, s. u. 
Anm. 4. 

4 Germania 21, 1876, S. 41—46, beschränkt sich fast ausschließlich auf 
Vorwort und Nachrede mit offenkundiger Verstümmelung vieler Eigen¬ 
namen. Z. kannte dafür die Ferdinandeumshs. noch nicht, ebenso die 
Münchener u. a. 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 259 

kirchliche Wissenschaft und das religiöse Leben bedeutsamen Werkes Kunde 
erhalten; darauf ließ er den Verfasser durch einen Kardinal zu sich rufen 
und munterte ihn zur Vollendung und Veröffentlichung seiner Arbeit auf, die 
ihn schon „dreißig weniger ein Jahr“ beschäftigt habe. Als Titel derselben 
habe der Pontifex sumtnus nach Einblick in einen Teil des Buches vor¬ 
geschlagen: Lumen animae. Weiter habe der Papst dem Autor für seine 
umfangreiche Stoffsammlung aus heidnischer und christlicher Literatur drei 
gelehrte Männer beigegeben, die dreier Sprachen mächtig waren und ins¬ 
besondere die Übersetzungen aus dem Griechischen und Hebräischen bzw. 
Arabischen ihm liefern mußten (Amandus, Leo und Severinus). 

Eine große Anzahl der für diese Zwecke exzerpierten Schriftsteller führt 
Putsch in seiner gereimten Vorrede an, wie sich aus einem Vergleich mit der 
lateinischen Grundschrift ergibt, offenbar mit einer Auswahl sich begnügend. 
Auch diese kleinere, nicht alle Autoren der deutschen Ausgabe umfassende 
Liste beweist, wie „der erst Maister“ hat, „ee er es in latein pracht . . in 
allen Landen weit Puecher gesucht mit großem Streit“. Es sind in Putschs 
Prolog lateinische, griechische und arabische Schriftsteller mit Namen, teil¬ 
weise auch Herkunft und Schriftentitel angeführt, bisweilen in trockener 
Aufzählung und schwerfälliger Reimerei nach Art der Meistersängerpoesie. 
Putsch schließt seine Vorrede mit dem Lob auf das von ihm verdeutschte 
„Liecht der sele“ und fordert zur Lesung des Buchs auf, davon „mancher 
Mensch an der Sele mag genesen“. Der in Prosa geschriebenen, 103 Kapitel 
umfassenden Abhandlung (fol. 8—170) läßt Ulrich Putsch ein ebenfalls ge¬ 
reimtes Schlußwort folgen, das uns weitere wichtige Aufschlüsse über das 
Werk Lumen animae und besonders seinen Übersetzer gewährt. Zunächst er¬ 
fahren wir in dem 54 Verszeilen umfassenden Epilog die Zeit, in der von Ulrich 
Putsch „das Buch ist geteutschet worden“, nämlich 1426, also im zweitletzten 
Jahre seines Aufenthaltes im Burggrafenamt nahe der Stammburg Tirol; offen¬ 
bar soll die Angabe das Jahr der Vollendung der gewiß nicht leichten Ver¬ 
deutschungsarbeit bedeuten. Hierauf verrät der Verfasser, wie man den 
Namen des Übersetzers finden könne. Der Leser soll die Anfangsbuchstaben 
des (ebenfalls gereimten) Prologs der Reihe nach („nach der Leng“) herab¬ 
lesen, 

„So vindest du seinen Namen, 

des er sich nicht wil schämen“ (V. 11/12). 

Es ist also ein akrostichisches Rätsel 6 , das der hier dichtende Übersetzer 
des philosophisch-theologischen Werks im gereimten Prolog aufgibt. Viel¬ 
leicht hätte bis heute kaum ein Leser den verborgenen Kunstgriff zu Beginn 
der Einleitung beachtet oder gelöst ohne des Verfassers Fingerzweig am 
Schluß des Werks. Des Rätsels Lösung liegt in den ersten zwanzig Versen 
des Prologs, die die Anrufung Gottes und Mariens enthalten. Die zwanzig 

5 Viel häufiger als in der deutschen Dichtung war die akrostichische Poesie 
(Spielerei mit Versanfang) in der oriental. Literatur, auch der biblischen 
(Psalmen, Jeremias Klagelieder), in der heidnischen wie altchristlichen 
griechischen (Sibyllinen, Alexandriner) und lateinischen (Ennius, Commodian, 
PS. damasianische Epitaphien), audh in der späteren byzant. und lat. Litera¬ 
tur des Mas. beliebt. Selbst in die griech. Liturgie drang sie ein. Ich 
habe als Tübinger Theologiestudent durch die Konjektur einer richtigeren 
Lesart in einem lat. Kirchenhymnus auf den hl. Philipp von Zell akrosti¬ 
chische Komposition feststellen können (Katholik 79, 1899 I. S. 72—75). Vgl. 
Pauly-Wissowa, Real-Enzykl. d. kl. Altertumswiss. I 1901, 1200/ 07; K. 
Krumbacher, Gesch. d. byzant. Lit. 1897 2 S. 697ff.; Anal. Hymnica 29, 5—15. 



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Anfangsbuchstaben derselben ergeben zusammen: VLRIKH BFARRER ZE 
TYrol. 

Vom Übersetzer kommt der Dichter des Nachwortes wieder auf das über¬ 
setzte Werk zu sprechen und bemerkt, daß es deren zwei, ein großes und 
ein kleines, gegeben habe; er selbst habe nur das kleine finden können. Man 
möge ihm das nicht verargen, schon die Arbeit an der kleineren Fassung des 
„Lichts der Seele“ habe ihm Mühe genug gemacht, bis er alles habe „zu¬ 
sammengeklaubt“. Putsch will diese mühevollen Ubersetzerfreuden auch 
einem anderen gönnen und wünscht diesem ein größeres Finderglück. Möge 
es einem andern vergönnt sein, nach der Auffindung das größere Lumen 
animae zu seinem (Putschs) und anderer Nutz und Frommen zu verdeutschen! 
Wie für diese Arbeit eines anderen will er auch für Kritik am eignen Werk 
dankbar sein und Gottes Lohn beiden erflehen: 

Wer auch sey ein gut gesell 
Und diets Puchlein straffen well, 

Dem will ichs nicht vor übel haben, 

Und piten, daß in well begaben 
Gott der allmechtig Herr“ (V. 29/32). 

Wiewohl selbst arm, „krank an Künsten“, will er keinen andern Lohn als 
Gott, des heiligen Kreuzes Segen und Mariens Fürbitte, aller Engel und Hei¬ 
ligen Pflege, so fleht der fromme Übersetzer am Schluß des Epilogs, sie 
mögen uns helfen, das Leid zu überwinden und der ewigen Seligkeit teil¬ 
haftig zu werden. 

Im Laufe weiterer jahrzehntelanger Nachforschungen gelang es, die 
Existenz der vom Dichter des Epilogs angedeuteten längeren Fassung des 
Lumen animae sowohl in Handschriften als in Frühdrucken mehrfach fest¬ 
zustellen. Diese größere Ausgabe, die Ulrich Putsch nicht oder nicht mehr 
zu seiner Zeit vorfand, hat allerdings einen erheblicheren Umfang, gewöhn¬ 
lich 347 Kapitel, während die deutsche Ausgabe von Putschs Hand deren nur 
103 Abschnitte hat, die vielfach kürzer sind. Ohne Zweifel hat der Verbreitung 
dieser deutschen Übersetzung auch diese Beschränkung genützt. An das 
größere (wohl ursprüngliche) Lumen animae, das auch allein im Druck später 
veröffentlicht wurde, scheint sich kein deutscher Übersetzer gewagt zu haben. 
So mußte sicher des „teutschenden“ Tirolers Wunsch, der im Nachwort Aus¬ 
druck erhielt (V. 20 ff.), bis heute unerfüllt bleiben 

Die große lateinische Ausgabe des Lumen animae trägt in fast allen 
Inkunabeldrucken den Namen des Matthias Farinator, Karmeliters in Wien. 
Doch ist dies nicht der Name des Verfassers, wie noch jüngst irrtümlich 
selbst von Gelehrten wie Kellner, Zöckler, Förster, Burdach u. a. 6 7 an¬ 
genommen wurde, sondern nur der des 150 Jahre später lebenden Heraus¬ 
gebers. Welche Namen für den schon dem Übersetzer unbekannt gebliebenen 
Verfasser in Betracht kommen können, muß in einer besonderen Unter¬ 
suchung dargelegt weiden. 

In der Innsbrucker Handschrift des „Licht der Seele“ folgt auf die lange 
Vorrede das Inhaltsverzeichnis, „Register oder tafel“ mit den Überschriften 
der 103 Kapitel (fol. 4—8). Teils in Hauptwörtern, teils in Sätzen wird der 
Hauptinhalt jedes Abschnitts angegeben, meist so wie im Kontext der Ab¬ 
handlung das einzelne Kapitel überschrieben ist. 

Das anonyme Werk aus dem 14. Jahrhundert, das Ulrich Putsch ungefähr 

6 Die Veröffentlichung der druckfertigen Ausgabe mit Prolegomena und 
Kommentar muß aus äußeren Gründen verschoben werden. 

7 Vgl. K. Burdach, Vorspiel 1 2 , 1925. S. 125. 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 261 

hundert Jahre später ins Deutsche übertragen hat, gehört zu den sog. Mora- 
litates, wie das größere Buch in Farinators Ausgabe auch betitelt ist. Ein 
festes Einteilungsprinzip herrscht nicht vor, abgesehen von der teilweise 
alphabetischen Anordnung nach lateinischen Stichwörtern. Moralische Wahr¬ 
heiten wechseln mit dogmatischen in der nüchternen Stoffdarlegung ab, Tu¬ 
genden mit Lastern und Leidenschaften, Qottesliebe mit Welthaß, Lehren 
über Christus, Dreifaltigkeit, Kreuz, HI. Geist mit solchen über Maria, die 
Engel, das Altarssakrament („Gots Leichnam“). Beten, Fasten, Singen 
frommer Lieder, Kommunionempfang, Gottesliebe, Demut, Keuschheit, Güte, 
Betrachtung des Lebens Jesu, teilweise nach den Hauptfesten des Kirchen¬ 
jahres, werden als Mittel wie als Zeichen frommer christlicher Lebensfüh¬ 
rung allen empfohlen. Mehrere Kapitel handeln von den höheren Graden geist¬ 
lichen Lebens, die zum speziellen Gebiet der christlichen Mystik gehören, 
Jungfräulichkeit, Beschauung, Gottvereinigung, Minne. Selbst für das Ver¬ 
halten des Abtes gegen Mönche werden zwei Abschnitte eingeschoben. 

Die größte Zahl der Kapitel (cap. 46 bis 85 u. cap. 91 bis 100) in Putschs 
Licht der Seele wird Maria gewidmet, im ganzen sind es 53. Jedesmal wird 
ein arideres Bild aus der Natur (zum Teil nach biblischem Vorgang) gewählt, 
so Blitz, Schatz, Arznei, Schnee, Türe, Spiegel, Lilie, Stern, Mond, Paradies, 
Morgenrot, Wiese u. a„ selbst „neupachen brot“, Schlafbett, Wüste, krankes 
Kind u. a. Vor und nach dieser ununterbrochenen Reihenfolge wird mit und 
ohne Vergleich in einigen Kapiteln eine ganze Mariologie in lauter Zitaten 
dargelegt. An Konrads von Würzburg (+ 1287) „Goldene Schmiede“ 8 er¬ 
innert mehrfach diese oft gekünstelte Bildersprache. 

Im ganzen umfassen diese 103 Kapitel des Lumen animae in der 
Putschischen Verdeutschung der Innsbrucker Handschrift 173 Quartblätter, 
sie bieten fast das ganze Rüstzeug des religiös-sittlichen Lebens nach der 
Auffassung des mittelalterlichen Christen. Was am meisten an der einst so 
hochgepriesenen Schrift auffällt, ist nicht so sehr die Fülle des Stoffs theo¬ 
retischer und praktischer Unterweisung als vielmehr die Vielseitigkeit der 
Quellen, aus denen diese Stoffe geschöpft sind. Man glaubt eines der antiken 
oder späteren Florilegien, eine Abart der vielen aus Altertum und Mittel- 
alter überlieferten Anthologien, Katenen oder Sentenzensammlungen vor 
sich zu haben. Es sind ausschließlich Zitate aus heidnischen, christlichen und 
muhammedanischen Schriftstellern, die nur selten mit kurzen Einleitungs¬ 
worten oder praktischen Schlußfolgerungen versehen, meist nur mit dem 
bloßen Autornamen oder dessen üblicher Umschreibung eingeführt, Form 
und Stoff jedes Abschnitts bilden. Die größere Zahl der Schriftsteller, die von 
Kapitel zu Kapitel aneinandergereiht sind, hat der Übersetzer in der ge¬ 
reimten Vorrede aufgeführt. Diese 9 sollen in einem besonderen Abschnitt 
nach Zahl, Herkunft, Zitationsweise, Echtheit und anderen literar-kritischen 
Gesichtspunkten mit überraschenden Ergebnissen zusammengestellt werden. 

Auch dieses Werk, in dem kaum ein Satz geistiges Eigentum des Ver¬ 
fassers des lateinischen Originals ist, beweist die aus anderen literarischen 
Produkten jener Zeit hervorgehende Tatsache; die schöpferische Zeit der 
Scholastik hat ihren Höhepunkt erreicht und überschritten, als ein Papst 
zu Beginn des sog. babylonischen Exils und ein Pfarrer zur Zeit des Kon- 
stanzer Konzils solche Kompilationsarbeit in solchem Maße bewundern 
konnten. Beide hat jedenfalls die Fülle des zumal im großen Lumen animae 
ausgebreiteten Wissens, das Prunken mit einer Masse von Autoren, Zitaten 

8 Letzte Ausgabe von E. Schröder 1926, vgl. W. Golther, Deutsche Dich¬ 
tung im Ma. 1922. S. 254 ff. 9 Vgl. oben Anm. 6. 



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N a e g e 1 e 


aus fremdem Qeistesgut fasziniert. Schon das Haupt der Scholastik, Thomas 
von Aquin 10 , hat in einzelnen seiner apologetischen und exegetischen Werke 
solcher Katenenweisheit oft zweifelhafter Herkunft gehuldigt, wieviel mehr 
spätere kleinere Geister von geringerer Produktivität ll . Als Fundgrube antiker 
und mittelalterlicher Zitatenweisheit hat denn auch wohl der vielbeschäftigte 
Pfarrer und Kanzler von Tirol (der spätere Bischof von Brixen) das zu seiner 
Zeit noch verbreitete große und kleine Lumen animae geschätzt, es muß ja 
in seiner ersten Zusammenstellung eine ungeheure literarische Arbeit be¬ 
deutet, trotz Vorhandensein ähnlicher Florilegien, ausgedehnteste Quellen¬ 
studien erfordert haben; sowohl die gereimte Vorrede des Übersetzers als 
auch die ausführlichere Einleitung der lateinischen Ausgaben wissen davon 
zu berichten. 

Was „Vlrikh bfarrer ze Tyrol“, der im Akrostichon des Prologs sich 
nennende deutsche Autor an eigener Arbeit für sich buchen darf, ist einmal 
sein poetischer Versuch, trockene, literarische Tatsachen in deutsche Reime 
zu kleiden; der auch literar-historisch wichtige Prolog und Epilog mit seinen 
136 bzw. 54 Versen ist eine wertvolle Umrahmung des dogmatisch-mora¬ 
lischen, aszetischen Werks, des ersten deutschen „Lichts der Seele“. Sind 
diese dichterischen Ergüsse des schwäbisch-tirolischen Klerikers auch nicht 
gerade hoch zu werten vom rein literarischen Standpunkt aus, so verraten 
sie doch literarisches Interesse und eine gewisse grammatische und proso- 
dische Schulung, die sich neben der „Kunst“ anderer Zeitgenossen durchaus 
sehen lassen kann. Die Übersetzung des lateinischen Originalwerks mit 
seinem oft recht spröden Inhalt, seinen vielen Ausdrücken philosophischer 
und theologischer Spekulation setzt zweifellos ein mühevolles Ringen mit 
dem Geist der beiden Sprachen voraus. Trotz der beträchtlichen technischen 
Terminologie auch aus anderen Wissenschaftsgebieten (z. B. Naturwissen¬ 
schaft) finden wir wie bei Suso, Tauler, Eckhart und anderen Mystikern 
selten Fremdwörter verwertet, er schreibt ein glockenhelles, reines Deutsch 
oft gemütvoller Prägung. Alle Anerkennung verdient, auch wenn mancher 
an dem trockenen Inhalt sich stoßen sollte, jedenfalls das redliche Mühen, 
wissenschaftliche Ausdrücke griechischer, lateinischer und arabischer 
Spruchweisheit in die ungelenkere spätmittelhochdeutsche bzw. frühneu¬ 
hochdeutsche Sprache umzugießen. 

Und wie die Reinheit der Muttersprache trotz mancher Ungelenkigkeit und 
Schwerfälligkeit zwei Jahrhunderte nach der ersten Blütezeit der deutschen 
Literatur in Putschs deutschem Lumen animae noch festzustellen ist, so 
offenkundig erweist sich noch im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts der 
gläubige Sinn des schwäbisch-tirolischen Dichters und Übersetzers. Die 
Frömmigkeit des hohen Mittelalters, ist noch nicht oder kaum erschüttert 
durch die geistige Umwälzung der Renaissance und des Humanismus. Als 
Epigone darf sich Ulrich Putsch bescheiden den größeren Frauenlobdichtern 
anreihen. Sänger und Darsteller der Liebfrauenminne, des Marienkults ist 
er ja im gerefhiten Prolog und Epilog und in zahlreichen Kapiteln des Lichts 
der Seele. Nicht unebenbürtig erscheint neben dem deutschen spätmittel¬ 
alterlichen Meister der Dichter des köstlichen lateinischen Spruchs, vielleicht 
ein Vorgänger Putschs auf dem Tiroler Widum, an dessen Außenmauer bis 
vor wenigen Jahren einer der ältesten Grabsteine (jetzt nach Schloß Tirol 
gebracht durch das neue italienische Denkmalsamt) prangte mit dem Vers 

10 Z. B. Catena aurea, Summa contra gentiles u. a. 

11 Vgl. M. Grabmann, Gesch. der schol. Meth. I. 1909. S. 114—116 (griech.), 
183—188 (lat. Florilegien). 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 263 


(leoninischer Hexameter in got. Majuskeln des 13. oder 14. Jahrhunderts): 
Johannes hic stans mente pia novem legat Ave Maria 12 ! 

B. Andere deutsche Codices in Wilten, München, 
Berlin, Karlsruhe 

II. Die zweite Handschrift des deutschen Lumen animae lernte ich durch 
einen kurzen handschriftlichen Hinweis F. v. Wisers am Schluß des Inns¬ 
brucker Kodex kennen. Die Bibliothek des Prämonstratenserstifts Wilten 11 
bei Innsbruck besitzt unter den wenigen, einst zahlreichen Handschriften¬ 
schätzen einen Foliosammelband in Papier aus dem 15. Jahrhundert, von 
den 310 Blättern, zweispaltig geschrieben, fallen 88 (fol. 218r—306) auf das 
„Licht der Seele 14 “. Der Titel des Ganzen lautet (fol. Ir): „Hie hebt sich 
an das puech, das da haisset compendium Theologice veritatis und ist 
der pesten puecher eins in der hl. geschrift und ist getailt in siben pücher 
und pracht aus latein in tawtzsch und hebet sich hie an die tafel über 
das erste puech.“ Nach zwei leeren Blättern, offenbar für den geplanten 
Index, beginnt (fol. 218r) ohne weitere Bemerkung über Autor oder Über¬ 
setzer, die gereimte Vorrede, sie hat bis auf kleine Dialekt- und Schreib¬ 
verschiedenheiten den gleichen Wortlaut wie das „Licht der Seele“ in der 
Innsbrucker Handschrift. Die Anrufung Gottes und Mariens im Proömium 
lautet hier (fol. 18r): „Von Himel send mir, got, kraft . . . Nun will ich die 
Vorrede vahen an. Als ichs geschriben funden han.“ Vor diesem letzten 
Reimpaar bzw. nach dem Gebet steht im Wiltener Kodex das Zauberwort 
„Thetragrammaton 15 “ angeschrieben, das auf Glocken, Kreuzen, Amuletten 
u. a. im Mittelalter und noch später häufig begegnet. Nach Abschluß des 
langen zweiten Teils der Vorrede, der das ebenfalls in Reimpaare gebrachte 
Quellenverzeichnis wieder im gleichen Wortlaut wie I. enthält, folgt nicht 
wie dort das Inhaltsverzeichnis für die 103 Kapitel, sondern es beginnt das 
erste Kapitel der Abhandlung, die kurz zuvor den bis jetzt völlig neuen 
Titel in Latein erhalten hatte: „Abriß der theologischen Wahrheit“, jetzt aber 
den ursprünglichen zurückerhält: „ditz buch haisset das liecht der sei und sagt 
vom ersten von hochmiitigkayt und von hochuart.“ 

Die Zahl und Anordnung der Kapitel dieses deutschen Lumen animae 
stimmt mit der im Innsbrucker Kodex ebenfalls überein bis auf eine einzige 
Ausnahme. Die Überschriften sind wie dort in roter Tinte geschrieben. Das 
Schlußgedicht, das dem letzten Kapitel 103 in beiden folgt, und den Namen 
des Übersetzers verrät, hat den gleichen Wortlaut hier wie dort, nur fügt in 


12 Atz K. u. Schatz A„ Deutscher Anteil d. Bist. Trient IV. S. 303; Wein¬ 
gartner, Kunstdenkmäler Südtirols II. S. 192 liest quinque. 

13 Cod. Nr. 310. Besprechung des Wiltensis besonderer Verhältnisse 
wegen gekürzt. Über Kloster Wilten vgl. S. Brunner, Chorherrenbuch 1883, 
S. 681 ff.; P. Lindner, Monasticum Metropol. Salzburg 1908. S. 136/40; 
LThK. 10, 927 f. 

14 J. V. Zingerle, Germania 21, 1876, S. 41/46, bespricht die Hs. kurz, 
ohne Erwähnung anderer Hss., auch nicht der Ferdinandeumshs., druckt die 
Vorrede und den Epilog vollständig ab, leider mit vielen Lesefehlern, be¬ 
sonders bei den vielen Eigennamen, z. B. Themistz (statt Themistius — 
Abkürzungszeichen für us!), Johann Wicius statt Johannitius (S. 441); Epi thi 
miore st. Epithimiarum, Theosuastus st. Theophrastus, Alforabiu, Alkabicinus, 
Psinona, Evencius, Isiderus, Westorius, Wetzle u. a. 

1,1 Tetragrammaton, vgl. A. Nägele, Die Glocken des Oberamts Riedlingen. 
S. A. aus Württbg. Jahrb. 1919/21. S. 116 u. LThK. 1, 519 f; 10, 9. K. Walter, 
Glockenkunde, Regensburg 1913. S. 158. 182. 270. 



der Wiltener Handschrift der hernach genannte Schreiber dem letzten Vers 
von Ulrich Putsch, dem Wunsch, ewiglich bei Gott zu bleiben, ein weiteres 
Reimpaar und seinen Namen hinzu: 

„Das helff uns der nam, 

Der am karfreitag sein tod am kreitz nam. 

PER ME lOHann EM WEtzler Amen.“ 
Johann Wetzler ist jedenfalls der Scriptor, der in der Schlußschrift seinen 
Namen in eigenartiger Vermengung von Minuskel und Majuskel unter¬ 
zeichnet. 

Anders als bei dem Exemplar der Ferdinandeumsbibliothek läßt sich bei 
diesem zweiten Innsbrucker Kodex des „Licht der Seele“ der Weg vermuten, 
auf dem es an seinen heutigen Aufbewahrungsort gelangt ist. Viel Wahr¬ 
scheinlichkeit dürfte die Annahme für sich haben, die Wiltener Handschrift 
sei ein Geschenk des Pfarrers von Tirol an seinen Bruder Heinr. Putsch, der 
zur Zeit der Vollendung der Übersetzung (1426) Abt in Wilten war und 1428 
(oder 1429?) dort starb. Trotz der kleinen sprachlichen Abweichungen wird 
die Entstehungszeit der Wiltener Handschrift nicht weit abliegen von der 
des Innsbrucker Kodex. 

In sprachlicher Hinsicht zeigt die H. II. viel ausgeprägtere Formen der 
schwäbischen, teilweise alemannisch-schweizerisch gefärbten Mundart. So 
lesen wir hier: jaur (Jahr), genauden (Gnaden), maiestaut (Majestät), 
chlaurhait (Klarheit), chunigin (Königin), prachtica, bechant, ewichlich u. a.; 
ferner Ausdrücke wie geit (gibt), nit (nicht), han (haben), domit, dornach, 
dorumb, schir (fast). Solche Proben von Diphtongierung und Erweichung 
von Gutturalen lassen sich wie in Handschriften, auch in genau datierbaren 
Grabinschriften aus dem 15. Jahrhundert nachweisen, so in Dokumenten 
und Monumenten aus Zwiefaltendorf, Kreis Riedlingen le . 

III. Uber eine weitere deutsche Handschrift „Das Licht der Seele“, ähnlich 
oder identisch vielleicht mit der bei Schmeller 17 , ist zurzeit keine sachkundige 
Beschreibung zu erreichen. 

IV. Von den zwei wichtigen deutschen Handschriften des Lumen animae 
in München stammt Cgm 47 nach dem Besitzvermerk aus Kloster Tegern¬ 
see. Der Quartband mit 125 Pergamentblättern ist zweispaltig geschrieben 
in je 30 Zeilen, von Schmeller 18 kurz, dann eingehender von Petzet 19 , doch 
ohne Hinweis auf andere Handschriften des L. a. beschrieben. Nach einem 
handschriftlichen Eintrag von anderer Hand hat den Kodex der Münchener 
Bürger Leonhard Eglinger im Jahre 1466 der Benediktinerabtei Tegernsee 
vermacht, er muß also kürzere oder längere Zeit vor diesem Legat ge¬ 
schrieben sein. 

Diese Fassung des „Lichts der Seele“ stimmt nach Inhalt, Zahl und An¬ 
ordnung der Kapitel völlig mit dem Innsbrucker Kodex überein. Wie dort 
sehen wir rotrubrizierte Kapitelüberschriften, rote Zierstriche und kleinere 


15 Vgl. A. Naegele, Die Grabdenkmäler der Herren von Speth. Arch. f. ehr. 
Kunst 1912, S. 69 ff.; 1913, S. 7 ff.; auch in einem Spethschen Stiftsbrief von 
1488 und im Testament vom Jahre 1509, s. A. Naegele, Urkundl. Beitr. zur 
Gesch. der Herren von Speth, Württbg. Vhefte 23, 1914, S. 256 ff. 

17 Schmeller J. A„ Die deutschen Hss. der K. Hof- u. Staatsbibliothek in 
München I. 1866. S. 63. 

18 Schmeller, S. 5 Nr. 47. 

19 Petzet E„ Die deutscher Pergamenthss. der Münch. Staatsbibi. 1920. 
S. 77. 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 265 

Initialen; ähnlich ist die Bleistiftumrahmung des Textes (Maße nach Petzet: 
23X57,5 cm bzw. 16X55,75). Durchaus von einer Hand geschrieben ist der 
dichterische Prolog und Epilog, dann alle 103 Kapitel; nur das Register, die 
vielen Korrekturen im Kontext und die Randnotizen stammen von anderer 
Hand. 

Gewisse charakteristische Besonderheiten eignen der Schreibart einzelner 
Wörter, so begegnet uns (wie in Cod. Wilt.) die Erweichung der Gutturale 
bisweilen, z. B. chanst, chunst, chloster; der Gebrauch des y für i in Wörtern 
wie hymel, dye (Geschlechtswort), dyener, tyern u. a.; Historien oder 
diphthongische Dehnungen wie stets in der Nachsilbe leich st. lieh (z. B. ewigk- 
leich, naturleich, fleißigkleich), in dier, suecht, puech, mueter, tyern, fuegt. 
H. IV. schreibt Werlt, zway, sei, nit, erfunden, wo H. I. weit, zwer^ sele, nicht, 
funden schreibt. Falsch liest IV. Ethimiorum statt des in I. halb richtigeren 
Epitimiorum. Im Prolog ist V. 1. Herr mit Got vertauscht; der in I. fehlende 
Halbvers 36 lautet hier: „Warenn sy genant alsus“; in V. 37 steht vor¬ 
gesprochen statt vorgeschriben. Das Register ist in IV. an den Schluß des 
Kodex fol. 120—124 gesetzt. 

Der alte Einband ist ein mit rotem Leder überzogener Holzdeckel, ziem 
lieh gut erhalten. Schließen fehlen, nicht aber die Zier- und Schutzdeckel. 
Blatt 118 schließt mit dem letzten Kapitel 103. fol. 119 ist leergeblieben. 
Auf einem Pergamentstreifen ist vorne der Titel „das Liecht der seel“ auf¬ 
geklebt. 

Auf Blatt l r findet sich folgender erst lateinischer, dann deutscher Ein¬ 
trag über die Stiftung des Kodex nach Tegernsee; „Hunc librum obtulit 
nobilis vir Leonardus Eglinger, civis Monacensis, monasterio S. Quirini in 
Tegernsee anno 1466 et inscripsit hec verba propria manu: Ich Ieonhardus 
Eglinger purger zu München bekenn, daß ich das puch zu dem ehrwirdigen 
Gotzhaws zu Tegernsee nach meinem abgeen geschafft hab et factum am 
Erchtag nach Jacobi anno 1466 und do pey ewigklich beleih mit meiner handt 
geschrifft geschriben. Hec Recognitio immediate iam scripta fuit abrasa et 
feria sexta immediate ante octavam Epiphanie anno 1504, quo mihi hic über 
presentatus est, eandem scripturam renovavi, et Über inventus fuit apud 
quendam civem in Wasserburga, qui vocabatur Strässel, ac per diligentiam 
riecnon industriam Georgii Estermann devenit ad monasterium Tegernsee.“ 
Dieser genaue Bericht über die Wiederauffindung des vermachten, offenbar 
hochgeschätzten Buchs und seine Zustellung an den rechtmäßigen Erben 
stammt mit dem Testatswortlaut demnach erst aus dem Jahre 1504. Ob nicht 
der erste Besitzer seinen Namen von dem württembergischen Dorf Eglingen 
(Kreis Münsingen oder Kr. Neresheim, auch in Augsburg ansässig, im Dom¬ 
kreuzgang begraben) haben dürfte? Dem Schlußsatz des letzten (103.) Kapitels 
„vom streitparen Gemüt" (fol. 117), folgt im Tegernseer Kodex der Wunsch eines 
nicht genannten Schreibers: „Deo gracias“ und ganz am Schluß fol. 124 der 
Stoßseufzer: „Got sey gelobt und Maria, die mueter gotz ewige Junckfraw 
Amen.“ Das Register schließt mit dem ebenfalls im Innsbrucker Kodex 
fehlenden Satz (fol. 124): „Hier vollenden sich dye Capitel über das puech 
des Liechts der Seel.“ Neu ist auch am Tegernseer Exemplar die alphabe¬ 
tische Einrichtung des lateinischen Sachregisters, am Schluß des deutschen 
Lumen animae fol. 120—122, dann folgt wieder f. 122—124 die Reihe der 
Kapitelsüberschriften in deutscher Sprache, Tabula super libro de lumine 
anime in anderer Schrift; z. B. „das erst capitel sagt von der eytlichen hech 
diser werlt“ oder cap. 14: „das viertzichentist capitel sagt von den enplenden 
an der sei“, oder das XXIII cap. „sagt von den versuechen gotlich suessigkayt“. 



266 


N a e g e 1 e 


V. Die fünfte Handschrift des „Licht der Seele“ befindet sich ebenfalls auf 
der Münchener Staatsbibliothek, Cgm 389, von Schmeller 20 allzu kurz er¬ 
wähnt im alten Münchener Handschriftenkatalog, die zweite und letzte, 
während die dritte im Katalog genannte, Cgm 663, nur eine lateinische Aus¬ 
gabe des Lumen animae enthält. Der Quartband in weißem, gepreßtem 
Schweinsleder mit Schließen und gebuckeltem Eckblech (darauf getriebene 
gotische Ornamente) enthält 192 Papierblätter. Erhaltung, Buchschrift (ein¬ 
spaltig, rote Initialen bei jedem Kapitelanfang, Kapitelüberschriften rot wie bei 
H II., Unterstreichung der Zitatenautoren, die in III fehlt, quadratische 
Einrahmung des Textes jeder Seite mit feiner Tintenlinierung), ist ebenso 
vortrefflich, wie ihr Ursprung illustren Charakter trägt. Kein Geringerer als 
Hartmann Schedel ist der Besitzer des im Jahre 1429 von Michael Pech- 
linger, Bürger in Nürnberg, geschriebenen Kodex. 

Auf der Vorderseite des Deckels lesen wir oben den Titel auf einem 
Pergamentstreifen, in roten Initialen geschrieben: „Lumen animae in 
vernacula lingua.“ Die Innenseite des Deckels ist mit einer doppelten 
Lage von Blättern aufgeklebt. Auf dem unteren Blatt steht zuoberst 
mit roter Tinte geschrieben: „Liber Doctoris Hartmanni Schedel“, 
darunter ein Stich: Zwei Engel halten eine Krone mit je 9 Knöpfen. Ein 
anderes älteres Blatt zeigt oben einen handbemalten Holzschnitt 
nach Art des Dürerschen Veronikabildes, zwei Engel halten ein Tuch, darauf 
das durchbohrte Herz Jesu 21 zu sehen ist. Unten ist aufgeklebt ein jüngeres 
Exlibris in Kupfer, das kurfürstlich bayrische Wappen, von zwei Engeln ge¬ 
halten. Mit der Unterschrift: „Ex electorali Bibliotheca Sereniss(imorum) 
utriusque Bavariae Ducum.“ Nach dem Einleitungsgedicht von Ulrich Putsch 
(fol. 1), das beginnt: „Von Hymel sendt mir Herr got dein Kraft“ und schließt: 
„Und das puch nu vahen an“ folgt das erste Kapitel (fol. 4) mit der Über¬ 
schrift, zugleich den offiziellen Titel des Buchs: „Ditz puch hayßt das liecht 
der sei und sagt an ersten von der höhmütigkeit und hoffart diser werlt.“ Den 
Schluß des letzten (102.) Kapitels (fol. 4) mit den letzten Worten: „der hyme- 
lischen begird und lieb Amen“ bildet wie in den beiden anderen Handschriften 
des Schreibers Spruch: „Deo gratias“ in etwas kleinerer Schrift. Nach dem 
gereimten Schlußgedicht (fol. 191 T ): „Hie hat das puch ein endt“ bis (fol. 193 T ) 
„pey got beleihen ewigklich“ „Amen“ folgt in roter Tinte des Schreibers 
Namen: „Scriptum per manum Michaelis pechlinger, concivis Nuremberge, 
sub anno Domini MCCCCXXIX in die Sancti Sixti pp.“ Die Übereinstimmung 
mit dem Tegernseer Kodex in der dialektlichen Schreibweise (z. B. Tyern, 
werlt, ynwendig, tyeffer, zyhen, zaygt u. a.) ist weit größer als die mit dem 
Innsbrucker, doch läßt der Nürnberger Schreiber stets die Diphthongierung der 
Nachsilbe: leich weg (statt lieh). Nicht unerwähnt bleibe schließlich, daß 
neben den kurfürstlichen und herzoglichen Wappen auf dem Deckel auch der 
berühmte Besitzer der Putschschen Übersetzung, der Arzt und Humanist 
Hartmann Schedel von Nürnberg (1440/1514), sein Wappen unten auf der 
ersten Textseite anbringen ließ oder (weil er mit eigener Hand auch sein 
Exlibris eintrug) selbst anbrachte: in rotschwarzem Rahmen einen Kopf 
nach Art eines St. Franziskus. Die große Schedelsche Bibliothek wurde von 
Herzog Albrecht von Bayern angekauft und bildete den Grundstock der heu- 


20 Schmeller, S. 63. 

21 A. Naegele: Rottenburg. Monatsschr. 10, 1926/27, S. 119/27; St. Wibo- 
rada-Jahrb. 1939, S. 56/61 (mit Abb.). 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen anitnae“ 267 

tigen Staatsbibliothek. In des Nürnberger Humanisten Bücherei 22 befanden 
sich nach dem Geschichtschreiber derselben nicht wenige der von Putsch 
bzw. Farinator oder dessen Quelle verwendeten arabischen u. anderen mittel¬ 
alterlichen seltenen Autoren wie Avicenna, Alchabitius, Alfarabius, Averroes, 
Egidius, Euax, Mesne, Hugo, aber ohne jede literarische Untersuchung in 
Schedels Biographie nur mit Namen angeführt. 

VI. Die sechste Handschrift, deren Schreiber Johann Taufkircher mit 
dem Jahr 1469 sich am Schluß des Sammelkodex nennt, besaß zur Zeit der 
Abfassung dieses Teils der Arbeit Ludwig Rosenthals Antiquariat in München 
nach dem Katalog 155 der Handschriften und Miniaturen 2S . Unter den vier¬ 
zehn deutschen biblischen und aszetischen Abhandlungen der zweispaltig 
geschriebenen, mit vielen ein- und mehrfarbigen Initialen und einer kolo¬ 
rierten Federzeichnung im Stile Michael Wohlgemuts geschmückten Papier¬ 
handschrift des 15. Jahrhunderts ist das erste genannt „Spyegel der Seil“, 
das von Pfarrer Ulrich von Tirol verdeutschte „Licht der Seele“ nach Lei- 
dingers 24 sachkundigem Urteil identisch mit dem Lumen animae. Der Kodex, 
der370Blätter inFolio zählt, hat einen Lederband mit Holzdeckel: Auf fol.324 
findet sich der Eintrag: „Per me Johannem Taufkircher, durch mich Johannes 
Taufkircher des Samptzag nach S. Franciscen tag, do man czalt nach unsers 
1. Herrn Jhesu Christi gepurd tausent vierhundert und im newnundsech- 
zigisten tag.“ Auf der Rückseite von Blatt 1 und 324 lesen wir: „Hainrich in 
der stathaws, dem Got genädig sey, hat geschaft das buch in der ridler 
selhaws im 97 iar vb. pitt unsren hern für in.“ Der letzte Teil der 14. Ab¬ 
handlung über die 10 Gebote, stammt von anderer Hand. 

Die vierzehn Abhandlungen sind: 1. „Der Spyegel der Seil“. 2. Der Pro¬ 
pheten Spruch (von Menschwerdung, Leiden, Tot und „urstendt“ und Jüng¬ 
stem Gericht). 3. Kurze Auslegung der Messe. 4. Der Heiligen Spruch. 
5. Epitaph S. Bernardi. 6. Von U. 1. Frau, der Mutter Gottes. 7. Brief S. Bern¬ 
hard über Regierung seines Hauses. 8. Von Emphahen Gots Leichnam und 
von enthalten. 9. Sprüche der Heiligen. 10. Das Evangelium von den lam- 
sichtigen. 11. Das Evangelium vom verlorenen Sohn. 12. Vom guten Ge¬ 
wissen. 13. Sprüche der Heiligen und Poeten. 14. Von den zehn Geboten. 

Während als Überschrift des Registers der Titel lautet: „der 
Spiegel der Seil“, wird das Buch am Schluß der Vorrede und 
im Schlußgedicht, wie in den übrigen deutschen und lateinischen 
Handschriften: ,das liecht der Seil“ genannt. Nach der Notiz des 
Stifters F. v. Wiser am Schluß des Innsbrucker Kodex bot Antiquar 
Rosenthal in München 1913 den Cod. Mise. cart. fol. s. XV um 2000 Mark 
an. Wohin die durch ihre Zierat (unter den altkolorierten Zeichnungen z. B. 
Adam und Eva im Paradies) doppelt wertvolle Handschrift durch das bald 
hereinbrechende Geschick des Weltkriegs, der nach seinem Abschluß so viele 
Buch- und Handschriftenschätze ins Ausland führte, gelandet ist, mag 
wenigen bekannt geworden sein. 


22 Stauber-Hartig, Die Schedelsche Bibliothek 1908, S. 14 ff., wird nur 
Cgm. 389 erwähnt ohne Hinweise auf Autor, Übersetzer und Verfasser des 
Originals u. a. V. Redlichs gründliche Monographie, Tegernsee und die 
deutsche Geistesgeschichte im 15. Jhdt. gibt leider keine näheie Auskunft 
über Autor, Skriptor und Donator. 

28 Nr. 426, S. 71. 

24 Katal. S. 71 beruft sich Rosenthal auf Leidingers Urteil, der jedoch 
Nachfrage nach der Existenz des Kodex nicht empfahl. 



268 


N a e g e 1 e 


VII. Die Berliner Staatsbibliothek besitzt zwei deutsche Handschriften, 
verzeichnet bei H. Degering, Kurzes Verzeichnis der germanischen Hand¬ 
schriften der preußischen Staatsbibliothek 25 I. Nr. 1159 Ms. germ Fol. 
Papier, 89 Bl., aus dem Besitz des Botschafters von Radowitz, 15. Jhdt. 
„Licht der Seele“, geschrieben von Nicolay Stein de Augusta 1430. Fälschlich 
nennt Degering, wohl von Burdach verleitet, Farinatoris als Verfasser des 
lateinischen Originals, richtig Ulrich Pfarrer zu Tirol als Übersetzer des 
„oberdeutschen“ Licht der Seele. 

VIII. Uber die andere deutsche Handschrift (Ms. germ. Fol. Nr. 1313) wer¬ 
den vom Katalogverfasser Degering 26 die gleichen irrigen Angaben über die 
lateinische Vorlage wiederholt. Es ist ein Miscellankodex von 370 Bl. aus 
dem 15. Jahrhundert, stammt aus St. Peter in Erfurt, B. 1—116 enthält den 
Text „Spiegel der Seele von Ulrich Pfarrer in Tirol“. 

Die Papierhandschrift Quart. 1581, 15. Jhdt. Bl. 120 r ist ein Traktat über 
die Reinigkeit des Herzens, nach Degering sind etliche Kapitel verwandt, 
aber nicht identisch mit cap. 34 des Lumen animae (Anfang: beati mundo 
corde, Selig sint . .). 

IX. Wichtiger ist eine Miscellanhandschrift der großhzgl. Hofbibliothek 
in Karlsruhe Nr. 19 bzw. 25, Pap. 15. Jahrhundert, 1753 angekauft von 
Philipp Jakob, Abt von St. Peter im Schwarzwald (aus einem anderen 
Kloster?) und nach der Klostersäkularisierung der großherzoglichen Biblio¬ 
thek einverleibt; sie enthält zuerst den „welschen Gast“ von Thomasin von 
Zirclaria, Einleitung in deutscher Prosa, dann Dichtung Sp. 1—28, dann zwei¬ 
spaltig 1—486. Hierauf folgt Sp. 488—572 „Daz lieht der seel“. In Ad. v. 
Kellers Beschreibung der Handschrift in Verzeichnis altdeutscher Hand¬ 
schriften 27 wird, ohne weitere Würdigung des Inhalts, der lateinischen Ur¬ 
schrift und der deutschen Übersetzung nur unter Hinweis auf Zingerles Ein¬ 
leitung, der Anfang: „Vom himel send mir got chraft, Leich mir sinn und 
maisterschaft“ mitgeteilt. Dieser poetischen Vorrede soll eine prosaische 
folgen; eine solche findet sich bis jetzt in keiner deutschen Handschrift des 
Lichts der Seele vor. Dann beginnt mit Bl. 489 das Buch mit seinen 104 Ka¬ 
piteln: „Diez Puech haysset das liecht der seel.“ Bl. 572 a. b. kommt der 
gereimte Schluß mit den von Keller größtenteils abgedruckten Versen: 
(1) „Hie hat das puch end . . . (41) Des helf uns aller helgen namen.“ 

Das Akrostich Bl 488 mit dem Verfassernamen lö%t Keller also auf 
„Vlrikh p'farrer ze Tirol“. 

Die handschriftliche Überlieferung des deutschen „Licht der Seele“ 
ist also von der durch die zahlreicheren lateinischen Kodizes gebotenen 
Textgestaltung verschieden. Während die lateinischen Handschriften 
zwei nach Umfang und Anordnung stark abweichende Fassungen 
des Lumen animae, eine kleinere und eine viel größere, durch den Druck 
später (1477—1482) veröffentlichte Ausgabe überliefern und innerhalb der 
beiden Gruppen größere Verschiedenheiten nach Zahl und Anordnung der 
Kapitel aufweisen, scheint der Typus der deutschen Textüberlieferung, wie 
er aus Ulrich Putschs Hand hervorging (1426), im wesentlichen einheitlich 
geblieben zu sein. Dort ist auch im Titel ein größerer Wechsel zu konsta¬ 
tieren, mehrfach doppelte Bezeichnung anzutreffen; so neben Lumen animae 
Liber exemplorum, moralitatum, Liber naturalium et moralium; singulär auch 

26 Mitteil, aus der Preuß. Staatsbibi. VII, 1925, S. 160. 

26 Ebenda S. 178. 

27 Hg. von Ed. Sievers 1890. S. 51 f. verweist auf Germania 21, 41. 



Deutsche Handschriften des von U. Putsch übersetzten „Lumen animae“ 269 

Oculus theologiae oder Speculum animae; hier begegnet uns neben Licht 
der Seele nur einmal der Titel: „Spyegel der seel“ (im Rosenthalschen 
Antiquariatsexemplar). Als Nebentitel erscheint im Wiltensis „Compendium 
theologicae veritatis“. 

Den Titel Licht der Seele trägt ein in Lübeck 1484 gedrucktes Beicht¬ 
büchlein: „Dat licht der sele“ 28 , dem unser Lumen animae nach Qeffcken 28 
als Vorlage gedient haben soll — trotz seines verschiedenen Inhalts und 
Zwecks! 

Das bei Barthol. Ghotan erschienene, mit 68 Holzschnitten gezierte 
Quartheft ist nach den bei Geffcken mitgeteilten Auszügen eines der vielen 
mittelalterlichen Beichtbüchlein, die zur Vorbereitung auf den Empfang des 
Bußsakraments in der österlichen Zeit dienen sollten in Wort und Bild. Meist 
sind die Anleitungen zur Beicht nach Ständen geordnet und enthalten haupt¬ 
sächlich Unterricht (viel in Frageform) über die zehn Gebote und ihre An¬ 
wendung auf das Leben zur Erleichterung der Gewissenserforschung (es 
waren Hilfsbücher für Beichtende und Beichtväter). Daneben sind einige all¬ 
gemeinere Fragen über Sünde, deren Erkenntnis, Heilige Schrift 
und Predigt erörtert. Unter diesen sieben Titeln, die das Lübecker 
niederdeutsche Büchlein enthält, ist als dritter „eyn licht der sele“ 
genannt. Exemplare finden sich auf der Stadtbibliothek in Lübeck, 
in Berlin (St. B.), Wolfenbüttel; über andere Beichtbücher dieser Art handelt 
Geffcken, der es leider bei diesem einzigen Band von Bilderkatechismen 
über die zehn Gebote bewenden ließ, an weiteren Stellen seiner kultur¬ 
historisch wie kunsthistorisch interessanten Schrift 20 . Nach Inhalt und Ein¬ 
teilung besteht also gar kein Zusammenhang zwischen dem niederdeutschen 
Beichtbüchlein mit dem Titel Licht der Seele und dem schwäbisch-tirolischen 
L.icht der Seele, dessen lateinische Vorlage sowohl in der kleineren wie in 
der schon von Ulrich Putsch gesuchten größeren Ausgabe ebenfalls nach 
Form und Inhalt von dem Lübecker Wiegendruck völlig verschieden ist. 
Leider hat sich durch Mangel an Einsicht in das handschriftliche oder ge¬ 
druckte Werk in Putschs Übersetzung oder Farinators Druckausgabe sowohl 
der Herausgeber der Bilderkatechismen wie der bedeutendere Germanist 
Konrad Burdach (Halle, dann Berlin) verleiten lassen, das unserem Tiroler 
Pfarrer vorliegende kleinere Lumen animae als Quelle für das völlig anders 
geartete Lübecker Licht der Seele zu erklären. Was Burdach an Geffckens 
Aufstellungen beklagt, Mangel an „Autopsie“ in Handschriften und Drucken, 
muß er sich später selber vorwerfen, da er für die Farinatorfragen sich fast 
nur auf die oben genannten dürftigen Mitteilungen Zingerles 30 über den 
Prolog Putschs in der Wiltener Handschrift des „Licht der Seele“ stützte. Bei 
der überprüfenden Gesamtausgabe seiner Abhandlungen hat er im „Vor¬ 
spiel“ den Irrtum zugestanden und über das richtige, d. h. negative Verhält¬ 
nis beider nur im Titel sich berührenden Schriften Aufschluß gegeben. Ähn¬ 
lich verhält es sich mit der ebenso betitelten Handschrift in der Erlanger 
Univ.-Bibliothek Nr. 613. 


28 Geffcken J., Bilderkatechismen des 15. Jhdts. I. 1855. Beil. S. 126 ff. 
20 S. 24 ff., 35 f„ 41, 140. 

30 S. o. S. 258 Dt. Hs. 11.